MIMESIS Munich Doctoral Program for Literature and the Arts
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Elisa Leroy

Elisa Leroy, M.A.

Doctoral Student

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Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Room: M311
Phone: +49 (0)89 2180-3088

Thesis Title

„Von der Wirklichkeit berichten“: Mimesis und das Performative im dramatischen Theater anhand zeitgenössischer Shakespeare-Inszenierungen im deutschsprachigen Raum

Abstract

Das Forschungsvorhaben „Von der Wirklichkeit berichten“ zielt auf die Beschreibung der Ästhetik von dramatischem Theater unter dem Einfluss der performativen Wende anhand zeitgenössischer Shakespeare-Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Es soll untersucht werden, wie Regisseure wie Thomas Ostermeier, Michael Thalheimer und Nicolas Stemann durch eine spezifische Lektüre des Verhältnisses von Mimesis und Performativität in Shakespeares Dramentexten eine realistische Ästhetik formulieren, welche Grundelemente einer Ästhetik des Performativen für Zwecke der mimetischen Repräsentation funktionalisiert.
Im Kontrast zu einer zeitgenössischen Polemik, welche den intransitiven, selbstreferenziellen Charakter zeitgenössischer „postdramatischer“ (Hans-Thies Lehmann) bzw. „performativer“ (Erika Fischer-Lichte) Theaterformen hervorheben und der mimetischen Illusionsschaffung und Referenzialität eines „literarische[n] Erzähltheater[s]“ gegenüber stellen, möchte das hier vorliegende Projekt eine Vorstellung von theatraler Mimesis zum Ausgang nehmen, der die Ambivalenz zwischen referenzieller und performativer Funktion bereits eingeschrieben ist und deren produktiven und performativen Potenzialen die Metapher von Mimesis als Spiegel nicht beikommen kann.
Als Skripte, die mit Blick auf ihre Realisierung in der Theateraufführung geschrieben wurden, widerstehen William Shakespeares Dramentexte von Anfang an der Reduktion auf eine kohärente, eindeutig hermeneutisch entfaltbare ‚Textvorlage‘, denen die Theateraufführung das Performative erst hinzufügt. In ihnen wird die performative Ausstellung der Darstellungsmittel selbst Teil der Erzählung. An formal- und produktionsästhetisch unterschiedlichen Inszenierungen von Dramen William Shakespeares soll deren Lektüre des Dramentextes und die sich daraus ergebende Verhältnisbestimmung von mimetischen und performativen Elemente geprüft werden. Es soll insbesondere danach gefragt werden, wie die mediale differentia specifica des theatralen Dispositivs zwischen realer Präsenz und kollektiv konstruierter Fiktion insbesondere über die Methodik der Arbeit des Schauspielers an der Rolle konstitutives Element dieser zeitgenössischen Ästhetik wird.
Jenseits einer produktionsästhetischen Analyse einerseits, einer rezeptionsorientierten Untersuchung andererseits bedarf die Fragestellung eines eigenen Zugriffs auf die betrachteten Gegenstände, welcher die verbindende Analyse von Dramentext und Aufführung jenseits einer reinen „transformative analysis“ (Christopher Balme) ermöglicht. Gelingt diese Beschreibung der Theateraufführung mit Hilfe der Instrumente aus Semiotik und Sprechakttheorie, kann diese einen Beitrag zum Verständnis ihrer Ontologie leisten. Zeitgenössische Shakespeare-Inszenierungen stellen in besonderem Maße eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Reflektion auf Mimesis im Medium des Theaters dar, die zugleich tief in einem (westlich geprägten, logozentrischen) historischen Konzept der Zeichenhaftigkeit der Welt verankert ist. Diese Verbindung der ontologischen und der semiotischen Aspekte von Mimesis kann nur das Theater durch den hybriden Status der Theateraufführung leisten.