MIMESIS Munich Doctoral Program for Literature and the Arts
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Katharina Krcal

Katharina Krcal, M.A.

Doctoral Student

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Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Room: M311
Phone: +49 (0)89 2180-3081

Thesis Title

Nachahmung und Täuschung. Der antisemitische Diskurs der jüdischen Mimikry im 19. und
20. Jahrhundert

Abstract

Das Dissertationsvorhaben befasst sich mit dem antisemitischen Diskurs der ‚jüdischen Mimikry’ – der Vorstellung, wonach Jüdinnen und Juden über besondere Verstellungs- und Nachahmungskünste verfügen – im 19. und 20. Jahrhundert. Das Thema der ‚jüdischen Mimikry’ findet sich sowohl in antisemitischen Schriften historischer, ökonomischer und philosophischer Ausrichtung als auch in Propagandafilmen des Nationalsozialismus. Gegenstand der Untersuchung ist insbesondere die literarische Ausformung dieses Diskurses. Dabei soll der Eigenlogik literarischer Texte, die Ideologeme nicht nur affirmieren, sondern auch subvertieren können, Rechnung getragen werden.
Von besonderer Relevanz ist in diesem Zusammenhang, dass zur Bezeichnung der angeblichen Nachahmungsfähigkeiten der Juden und Jüdinnen auf den aus dem zeitgenössischen biologischen Diskurs stammenden Begriff ‚Mimikry‘ und nicht etwa auf den älteren Terminus ‚Mimesis‘ rekurriert wird. Die These der Arbeit lautet, dass der Diskurs rund um die ‚jüdische Mimikry‘ mit einer prinzi-piellen Skepsis gegenüber mimetischen Praktiken einhergeht, die in einer Auf-spaltung des Mimesis-Konzepts resultiert. Dabei wird das produktive Potential, das der antiken ‚Mimesis’ in ihrer abendländischen Rezeption immer wieder zugesprochen wird, allein mit den Deutschen bzw. Germanen assoziiert, während ‚Mimikry‘ in Abgrenzung dazu als ‚seelenlose‘ Kopie, also bloße Reproduktion verstanden und zum ‚jüdischen Prinzip‘ erklärt wird.
Die Ziel der Dissertation ist erstens, zu zeigen, dass der antisemitische Diskurs der ‚jüdischen Mimikry’ als Ausdruck kollektiver Angst vor der Nicht-Identifizierbarkeit von Jüdinnen und Juden im Zeitalter jüdischer Akkulturati-onsprozesse zu verstehen ist. Zweitens soll herausgearbeitet werden, dass sich gerade in den Spezifika der angeblichen ‚jüdischen Mimikry‘ auch Kennzeichen allgemeiner Strukturen der Identitätsbildung und Subjektwerdung zeigen. Die grundlegende Abhängigkeit jeder Identitätskonstitution von mimetischen Prozessen wird jedoch im antisemitischen Diskurs verleugnet und die Problematik auf die marginalisierte Gruppe der Juden und Jüdinnen verschoben, um eine ungebrochene deutsche (später: ‚arische‘) Selbst-Identität behaupten zu können.