MIMESIS Munich Doctoral Program for Literature and the Arts
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Sarah Stoll

Sarah Stoll, M.A.

Doctoral Student

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Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Room: M311
Phone: +49 (0)89 2180-3081

Thesis Title

Gestisches Schreiben bei Mallarmé, Kafka und Joyce. Pantomimische Transkriptionen um 1900

Abstract

Eine Bühne.

Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine große, breite Zunge leckt. Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und blendend weiß, das Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die Lippen sind wie ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach vorn, über die Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze beinahe die Köpfe der Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein anderes Mal tritt sie wieder vor, [...] endlich bewegen sich die Lippen des großen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und warm hörbare Wort: 
Das Stück beginnt. 

Vorhang.


Robert Walsers 1907 in der Schaubühne erschienener Entwurf zu einem Vorspiel vollzieht den Gestaltwechsel von der Bühne zum Mund nicht ohne Transformation der Aufführung in Dichtung. Was als Vorlage für eine sprachlose Aufführung auftritt, die in dem Moment endet, da Worte hörbar werden, entzieht sich der Aufführbarkeit und ist eigenständig, Literatur, geworden. 

Das Phänomen, das sich unter anderem auch an Walsers Entwurf beobachten lässt, nennt Martin Puchner Antitheatralitat. Puchner sieht es durch die wichtigsten Autoren der Hochmoderne bezeugt: Stephane Mallarmé, James Joyce, Franz Kafka, – sie alle entwickeln ihren Stil in Auseinandersetzung mit dem Theater, aber nicht für das Theater. Wirft man einen Blick auf die Notizen, Tagebucheinträge, Briefwechsel und poetologischen Schriften dieser Schreibenden, wird man schnell feststellen, dass sich all jene auch der Gestenkunst, der Pantomime, widmen.

Es stellt sich die Frage: Warum zeigen sich ausgerechnet Schreibende derart fasziniert von einer Kunst, in der das Wort abwesend bleibt?

Um 1900 tritt in Erscheinung, dass sprachskeptische Schreibende in Bezug auf Sprachursprungsdebatten von Vico über Warburton und Rousseau bis zu Herder Alternativen zu einer als insuffizient erklärten Wortsprache suchen. Während Hugo von Hofmannsthal und Konsorten eine Lösung zunächst im Umsteigen auf Drama und Oper, Ballett und Film und später in den Bewegungen des Tanzes und in den Gesten der Pantomime finden, finden Mallarmé, Joyce, und Kafka keine solch direkten, dafür aber umso komplexere Lösungen. Selbst dort, wo die Beschäftigung mit Mimenspielen nicht mehr explizit zum Vorschein kommt, beeinflusst sie ihr Schreiben. Entgegen der Annahme, unselbstständige Vorlagen für Pantomimen zu schreiben, sei bereits Sprachkritik, will die Arbeit ein Denken der Pantomime auf den Textraum hin öffnen, und zeigen, wie das Schreiben der drei Autoren Prinzipien der Pantomime, die sich als Weisen, nicht repräsentierend vorzuführen, offenbaren, übernimmt – und so tatsächlich mögliche Notationsform derselben wird.